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Bericht ModellWerft 04/22: Schaufelraddampfer»Zaehringen« von Fredy Müller

Ein Stück Bodensee Geschichte

Der SD Zaehringen mit Heimathafen Konstanz war das erste Bodenseedampfschiff, das von der Bayrischen Firma J.A. Maffai AG aus München mit einem Kostenaufwand von 225.000 Reichsmark für den Bodensee gebaut wurde. Dieses äusserst seetüchtige und beliebte Schiff war bei seiner Indienststellung am 4.8.1888 und nach einer Verlängerung des Schiffsrumpfes um 3,50 m im Jahre 1904 einige Zeit das grösste Bodensee-Dampfschiff.


Die Zaehringen wurde als erstes badisches Schiff mit elektrischer Beleuchtung ausgestattet und überwiegend im Überlinger-See eingesetzt, war aber auch auf Konstanzer Obersee-kursen anzutreffen. 1940 sollte die Zaehringen endgültig ausgemustert werden. Nachdem das neue MS Konstanz kriegsbedingt nicht fertiggestellt werden konnte, blieb

DS Zaehringen weiter im Dienst. 1950/51 wurde das Schiff auf der Bodanwerft in Kressbronn vollständig ständig modernisiert, wobei es einen Fahrgastraum auf dem zuerst offenen Vorschiff, eine Vergrösserung des Brückendecks, ein neues Steuerhaus sowie

grosse Aussichtsfenster im Halbsalon und größere Fenster in den Aufbauten der Radkästen anstelle der Bullaugen erhielt. Die Tragkraft wurde damit auf 800 Personen erhöht. Das Schiff

erreichte zu dieser Zeit eine Maximalleistung von 720 PS und eine Geschwindigkeit von 14,2 kn bzw. 26,3 km/h.


Die Zaehringen zählte bis zur Ausmusterung zu den langlebigsten und am meisten eingesetzten Dampfschiffen. Die Ausserdienststellung erfolgte am 1.4.1960 nach

72 Betriebsjahren (1961 verschrottet). Die Mannschaft bestand seinerzeit aus: Kapitän, Steuermann, Schiffskassier, Untersteuermann, Bug- und Heckmatrose, Schiffsmaschinist

und zwei Heizern.


Vorgeschichte

Am schweizerischen Bodensee aufgewachsen, haben mich Schaufelraddampfer immer schon fasziniert. In meiner Jugendzeit waren noch Möglichkeiten geboten, auf solchen Schiffen mitzufahren. Heutzutage ist leider nur noch die Hohentwiel aus dieser Zeit

übriggeblieben.


Nachdem ich zufälligerweise aus dem Nachlass eines Modellclub-Kollegen einen schon vor einigen Jahren begonnenen und seither unterbrochenen Bau eines Raddampfer-Modells übernehmen konnte, war der Grundstein für mein Projekt gelegt. Ein Raddampfer sollte es werden. Allerdings kein Exponat mit Echtdampf-Antrieb, wie es vorgesehen war und das vorliegende und im Bau befindliche Rumpfgebilde und Teile der Aufbauten erahnen ließen.

Was für ein Modell mein Kollege letztlich realisieren wollte, konnte ich nicht mehr in Erfahrung bringen.


Nach umfangreichen Recherchen über die Raddampfer auf dem Bodensee bin ich auf die Literatur „Schifffahrt auf dem Bodensee, Die Blütezeit der Dampfschifffahrt“, Bd. 2, gestossen und dabei auf den einst grössten Raddampfer Zähringen aufmerksam geworden.

Die Entwicklung dieses Schiffes während der Einsatzzeit hat mich besonders beeindruckt und zu einem Nachbau zur Zeit des Umbaus 1950/51 im Massstab 1:50 veranlasst. Leider waren keine Planunterlagen oder Skizzen über den Umbau bei der Kressbronner Werft

mehr verfügbar. Somit habe ich weiteres Anschauungsmaterial gesucht und einige weitere Fotos aus anderer Quelle beschaffen können.



Anlässlich der Modellbau-Messe in Friedrichshafen v. 2019 bin ich mit einem Modellbau-Freund aus Deutschland ins Gespräch gekommen und habe dabei mein Vorhaben dargelegt. Daraus hat sich ergeben, dass er noch über einen alten robbe-Bauplan (1968 beschaffte Ausgabe) über das Dampfschiff Zähringen verfügt. Einige Zeit nach der Messe hatte ich den Bauplan Nr. 1515 (für die damalige Zeit sehr vereinfachte Plan-Skizzen!) zugestellt erhalten. Mit dem angefangenen Modell-Material, welches sich auf den Rumpf beschränkte, und den verfügbaren Planunterlagen samt den vorliegenden Fotos und

insbesondere der erwähnten Literatur habe ich versucht, ein Modell möglichst detailliert nach dem Original nachzubauen. Ich verzichte hierbei auf eine Wiedergabe von Arbeitstechniken, die bei jedem Modellbauer ohnehin unterschiedlich sein können. Vielmehr möchte ich mit einer bebilderten Illustration einzelne Bauschritte und erwähnenswerte

Modell-Details aufzeigen.


Rumpf

Den zur Verfügung stehenden und ursprünglich für einen Echtdampf-Betrieb vorgesehenen Rumpf in reiner Holzkonstruktion habe ich entsprechend den Planvorlagen für den vorgesehenen Schiffstyp etwas angepasst und ergänzt, gespachtelt, geschliffen und

anschliessend neu lackiert. Um eine bessere Stabilität zu erreichen, ist sowohl

die Rumpfbreite als auch der Tiefgang gegenüber dem Original etwas vergrössert worden. Um eine bessere Kursstabilität zu erreichen, habe ich auch das Ruder etwas grösser bemessen.

Nach dem vorliegenden Plan habe ich die fehlenden Bohrungen für die 36

Bullaugen vorgenommen und dann vorgängig die verglasten Messing-Bullaugen

vorlackiert und anschliessend eingesetzt. Im Weiteren musste ausserhalb der Öffnung für die Aufbauten eine neue Decksbeplankung angebracht werden.


Aufbauten

Die Decks-Aufbauten habe ich nach dem vorliegenden Plan und den verfügbaren Fotos mehrheitlich aus Holz neu erstellt. Die 55 Fensterrahmen sowie die 15 Rahmen des Steuerhauses wurden in verschiedenen Größen im 3D-Druck-Verfahren hergestellt. Für

die Fenster des Steuerhauses habe ich Echtglas, bei den übrigen Fenstern Plexiglas verwendet. Beim Maschinen-Oberlicht sind die Fenster teilweise geöffnet, damit sich die Soundgeräusche optimal entfalten können. Der Lautsprecher ist im Rumpf direkt unter dem

Maschinen-Oberlicht platziert. Die Gerüste für die Sonnensegel wurden aus

1-mm-Messingdraht gefertigt und mit passendem Stoff bespannt.

Die Aufbauten sind in einem Stück abnehmbar und ermöglichen einen optimalen Zugang zu den Technik-Komponenten. Die Stromzufuhr für die Beleuchtung ist dabei mit einer Steckverbindung gelöst. Den Hauptschalter für die Stromzufuhr habe ich nachträglich vom Rumpfinneren zum Heck verlegt und mit einer See-Kiste getarnt. Dadurch ist die Fahrbereitschaft ohne Abnahme der Aufbauten gewährleistet. Die Innenausstattung ist auf das Steuerhaus beschränkt, worin Fahrstand mit Kompass, Maschinen-Telegraph, Sprachrohr und Kartentisch eingebaut wurden. Im zusätzlich abnehmbaren Steuerhaus

ist ausserdem noch der separate Schalter für die Beleuchtung untergebracht.


Verbaute 3D-Komponenten

Zwei Club-Kollegen, welche über die entsprechenden technischen Einrichtungen verfügen, haben mir folgende Ausrüstungs-Teile für mein Model hergestellt:

• Schaufelräder

• Träger für alle Sitzbänke

• 70 Fensterrahmen in verschiedenen Grössen

• Fensterrahmen für Maschinen-Oberlicht

• Stützbalken für Radkasten-Unterbau

• Poller samt Unterbauten

• Hand- und Spillräder

• Handlauf-Rundung bei Heck-Reling


Maschine und Ruderanlage

Mit der Multifunktionssteuerung bzw. dem Doppel-Soundfahrtregler SFR-1-D von BEIER-Electronic ist mit den zwei 12-V-Getriebe-Motoren und Kraftübertragung mittels Zahnriemen auf die Wellen backbords und steuerbords die Voraussetzung ermöglicht, nebst der üblichen Ruderfunktion gleichzeitig die Schaufelräder beim Richtungswechsel unabhängig mit unterschiedlichen Umdrehungen anzusteuern. Ebenso können damit integriert die typischen

Geräusche von dampfbetriebenen Fahrzeugen wiedergegeben werden. Mit der erwähnten Steuerung ist das Modell einfach zu bedienen. Ein Knüppel der Fernsteuerung betätigt das Ruder, nach vorn drücken löst einen langen Hup-Laut aus, nach hinten ziehen ein kurzen. Der zweite Knüppel ist für die Maschine mit Vor-/Rückwärts-Fahrt bestimmt. Bei kurzem

Druck nach links wird der Rauchgenerator aktiviert oder deaktiviert. Im Weiteren können der Dampfmaschinen-Sound mit einem Kippschalter und mit einem weiteren Schalter die Glocke

für den Maschinentelegraphen und die Dampfpfeife in Betrieb gesetzt werden.


Schaufelräder

Die Schaufelräder mit je sieben Schaufeln (analog dem Original) sind nach entsprechender

Vorlage aus 3D-Komponenten und insbesondere mit Exzenter-Steuerung realisiert und zusammengebaut. Dabei ist die Welle für das Exzenterrad gegenüber der Schaufelrad-Welle

auf gleicher Höhe 5 mm nach voraus montiert. Leider war es nicht möglich, die Schaufeln im 3D-Verfahren leicht zu wölben, um einen noch besseren Wirkungsgrad zu erreichen. Dagegen habe ich den Rad-Durchmesser mit 80 mm im Hinblick auf einen möglichst optimalen Vortrieb bewusst etwas grösser gewählt.


Die Lagerböcke für die Radwellen hat mir ebenfalls ein Modellbau-Kollege unseres Clubs eigens für mein Modell passend aus Messing gedreht und mit eingepressten Bronze-Lagern sowie mit einem Öler aus Messing und Acryl-Sichtglas versehen. Im Testlauf wurden vorerst mit der eingebauten Motorisierung und Keilriemen-Antrieb 130 U/Min. erreicht, was zu wenig Vortrieb ergab. Mit einem grösseren Antriebsrad auf den beiden Motorachsen konnten die Umdrehungen auf 165 U/Min. erhöht und damit eine bessere Vortriebswirkung erzielt werden.


Beiboote

Leider habe ich vorerst keine zum Modell passenden Beiboote mit Klinkerbeplankung

im Maßstab 1:50 gefunden. Bei einem Anbieter liess sich letztlich ein Produkt beschaffen, welches mit entsprechender Umarbeitung auf den Massstab und insbesondere auf die passende Breite eine Lösung ermöglichte. Ausgerüstet sind die Boote unter Davits mit Riemen und Bootshaken.


Bemastung/Takelage

Der Fockmast besteht bis zur Höhe der Rah aus einem Messingröhrchen zwecks Aufnahme der Stromzufuhr für das Focklicht, der Rest bis zum Top ist aus Holz. Der Gaffelmast ist

aus Rundholz. Für die Abspannungen des Fockmastes und des Gaffelmastes habe ich verzinkte 0,4-mm-Stahldraht-Litzen verwendet und somit eine möglichst authentische Annäherung zum Original erzielen können. Die übrige Takelage ist aus entsprechendem Takelgarn. Eine Beleuchtung habe ich bewusst minimal gehalten: Bug- und Hecklicht, Steuerhaus, Positions-Lichter und eine zusätzliche Lichtführung am Fockmast.

Um noch bessere Differenzierung im Erscheinungsbild zu erhalten, sind die 150 Figuren verschiedentlich nach- bzw. umlackiert worden.




Fazit

Der Krängungstest und insbesondere der Vortrieb der Schaufelräder ist befriedigend ausgefallen. Das Exponat wurde just zur letztjährigen Messe in Friedrichshafen fertiggestellt und erstmals am Stand des Modellschiff-Clubs SMC Goldach dem breiten Publikum

präsentiert. Dabei habe ich auf dem Flaggenstock am Bug bewusst die Flagge der Stadt Friedrichshafen als gastgebende Messestadt aufgezogen, obwohl der Heimathafen eigentlich Konstanz wäre! Der als Vitrine konzipierte Transportkoffer mit dem integrierten Hintergrund des Konzil-Gebäudes in Konstanz und dem davor platzierten Modell bot einen besonderen Hingucker und wurden rege fotografiert.



Text: ModellWerft Magazin 04/22

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